Leipzig, 28. Juli 2019:
Es ist ein heißer Sommertag. Vergeblich suche ich für meinen treuen Begleiter „Schneewittchen“ (mein Auto) einen Parkplatz. Ich bin in Eile. Gerne würde ich sehen, wie sich mein langjähriger Freund Philipp und viele hundert andere Starter ins Wasser stürzen, um sich 1,5 km durch einen See zu bewegen. Für manch‘ einen sind das die ersten quälenden Kilometer eines langen Wettkampftages. Den Startschuss höre ich nur aus der Ferne. Ich renne zum Startbereich und sehe nur noch eine Menge Badekappen im Wasser – allerdings ein trotzdem imposantes Bild. Per Handy nehme ich Kontakt zum Fanclub „Philipp – der weiße Kenianer“ auf. Zusammen stehen wir dann in der Wechselzone und warten geduldig auf die ersten Starter, die aus dem Wasser kommen und sich nun auf das Rad schwingen, um 40 km zu radeln…
Da kommt er in seinem schwarzen, engen Triathlonanzug mit seinen langen, nassen, blonden Haaren. Mann, sieht der gut und fit aus. 🙂 Es ist natürlich nur eine Momentaufnahme. Kurzes „Anbrüllen“, Zujubeln und schon ist er vorbei. Der Blick auf die Uhr: Wooow… er ist gerade 1,5 km in einer Zeit von unter 36 min. geschwommen. Respekt, denke ich mir. Und auch: Schwimmen, was für eine Qual. Warum tut man sich das an?
Wir, als stolzer Fanclub, setzen uns in Bewegung, um nun an der Radstrecke weiter anfeuern zu können. Die Stimmung unter den Zuschauern ist grandios. Jede Sportlerin, jeder Sportler wird angefeuert. Und Philipp? Auch hier etwas schneller, als erwartet, ist er bereits wieder beim Wechsel. Seine Radzeit beträgt 1:19:25 Stunden. Kurzes Nachrechnen – er hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h. Für mich als sportbegeisterten Triathlon-Laien klingt das nach einem respektablen Ergebnis. Nun beginnt seine Disziplin. Er schnürt schnell die schicken adidas-Laufschuhe, öffnet den Reißverschluss seines Triathlonanzuges und begibt sich auf die abschließenden 10 km. Laufen – sein Ding! Zugegeben mit einem Gewicht von 60 kg, keinem Gramm Fett am Körper „schwebt“ er förmlich über den Asphalt. Er kommt auf uns zu. Ich brülle ihn an: „Wahnsinn Junge, beißen! Noch eine Runde!“ Ich bin fasziniert. Er ist schon länger als zwei Stunden unterwegs, ist 1,5 km geschwommen und 40 km Rad gefahren und sein Laufstil sieht locker und flüssig aus. Des Weiteren hat er noch die Kraft, uns ein Lächeln zu schenken. Cooler Typ – immer mehr finde ich Gefallen an dieser Sportart. Am „Spielfeldrand“ kommen wir immer wieder mit anderen Fans ins Gespräch. Man bittet mich, als offensichtlich extrem introvertierten, zurückhaltenden Typen 🙂 auch Mario, Simone und Karl mit anzufeuern. Gesagt getan! Ich brülle auf „Weisung“ wildfremden Sportlern zu und bin begeistert, dass sie mir ein Lächeln zurück geben. Kilometer 8: der weiße Kenianer befindet sich in der zweiten Runde. Ein letztes Mal sehen wir ihn, bevor er sich auf die Zielgerade begibt. Ich spüre, wie ich den ganzen Tag über schon eine Menge Adrenalin ausschütte. Kurzes High-Five und er schmunzelt sich ins Ziel. Er läuft – bei über 30 Grad und Sonnenschein – die 10 km unter 46 min. Für die Gesamtlänge von 51,5 km in drei Disziplinen benötigt Philipp (nur) 2:45:14 Stunden. Das heißt für ihn am Ende: Gesamtplatz 234. Für seinen ersten Triathlon eine starke Leistung. Wir sind unheimlich stolz. In mir macht breitet sich ein starkes Kribbeln aus; was für ein unglaublicher Tag. Abends liege ich im Bett und der Gedanke, „Das willst du auch erleben“, lässt mich nicht mehr los. Ich suche im Dunkeln mein Tablet und checke noch verfügbare olympische Triathlon-Distanzen im Jahr 2019. Um kurz nach Mitternacht leuchtet vor mir das Fenster: „Wollen Sie wirklich den Kauf bestätigen und sich für den Erkner Triathlon am 07.09.2019 anmelden?“ Kurz kommen Zweifel auf – ey Alter, das sind nicht mal mehr sechs Wochen bis zum Start. Ach egal, denke ich mir und drücke die linke Maustaste…
Was in den sechs Wochen so alles passierte, weiß ich gar nicht mehr so genau. Nur, dass ich mich öfter mal aufs Rennrad geschwungen habe und zu jedem See-Besuch neben meinen klassischen Badesachen, auch Schwimmbrille und Triathlonanzug mitgenommen habe. Die erste Schwimmeinheit fand in der Schwimmhalle in Schwerin statt. Ich bat meinen Kumpel und Arbeitskollegen Pascal „Der weiße Kenianer“ (ja, Ihr lest richtig, es gibt zwei von dieser Sorte – unfassbar. Insgeheim denke ich, dass beide dieselben Gene haben) mich zu begleiten. Ziel der Trainingseinheit war, die 1,5 km am Stück zu schwimmen. Des Weiteren wollte ich in Erfahrung bringen, wie lange ich es durchhalte, zu „kraulen“. Kurzes Nachrechnen – 1,5 km Schwimmen in einer Schwimmhalle mit einer 25m-Bahn. Wie viele Bahnen müssen wir denn dann bitte schwimmen? 60!!! Was? Niemals! Das kann doch nicht wahr sein. „Joar“, was soll ich Euch sagen, wir sind beide jeweils 60 Bahnen geschwommen. Ich habe es geschafft, (nur) ganze 17 Bahnen am Stück zu kraulen. Eher demotivierend! Nun gut, mit der Zeit von 47 min. konnte ich so halbwegs leben. Jedoch spürte ich meinen ganzen Körper und hatte einfach nur Schmerzen. Der Gedanke, sich jetzt danach 40 km auf dem Rad zu quälen, unvorstellbar. Das einzig Positive an dieser Trainingseinheit war, zu wissen, dass ich morgen nicht alleine Muskelkater haben würde…
In der Woche vor dem Triathlon reduzierte ich die Trainingseinheiten drastisch. Am Mittwoch blickte ich in die Wetterapp und bekam ein wenig Sorge. Für Sonntag waren 13 Grad und Regen angesagt. Wie kalt würde dann bitte das Wasser sein? Ich bekam Panik und kaufte mir als Kurzschlussreaktion einen Neoprenanzug für 140 Euro. Nun hatte ich ein Problem, da ich mit diesem Neuerwerb nicht an den Start gehen wollte, ohne vorher mit diesem trainiert zu haben. Am Donnerstag holte ich meine Startunterlagen bei Stadler in Berlin ab. Danach fuhr ich zur Schwimmhalle an der Landsberger Allee. 50m- Bahn – das wird ein Spaß. Am Eingang wurde ich mit großen Augen angeguckt, als ich fragte, ob es möglich sei, mit Neoprenanzug zu schwimmen. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Bademeister gewährte man mir Einlass. Schon unter der Dusche zog ich die Blicke auf mich. Wer mich kennt, eine Sache die ich „introvertierter 🙂 Charakter“ durchaus genieße… „The German Michael Phelps“ betrat die Schwimmhalle. 🙂 Zehn Bahnen vorhanden – vier davon für Vereinssport gesperrt. Vor Bahn Nummer 6 in der Mitte stand ein Zusatzschild: „Fast Lane – nur für schnelle und geübte Schwimmer!“. Kurzes Grübeln. Nun gut, es ist Bahn Nummer 5 geworden. Ich sprang ins Wasser. Anschließend kurzes Richten der Badekappe und der Schwimmbrille. Ich war startbereit. Meinem Vordermann ließ ich eine halbe Bahn Vorsprung. Ziel der Einheit war es, sich an den Anzug zu gewöhnen. Ich kraulte los und schon nach den ersten zehn Armzügen schlug ich meinem Vordermann auf die Füße. Am Ende der Bahn guckte er mich böse an und giftet: „Geh vorbei!“ Ich entschuldigte mich und sagte, dass ich meine Brille noch einmal richten müsse und danach etwas länger warten werde. Dies tat ich dann auch. Er hatte etwa eine dreiviertel Bahn Vorsprung. Was soll ich sagen, ich schlug ihm erneut auf die Füße. Am Ende der Bahn guckten mich einigermaßen hasserfüllte Augen an. „Diggah, willst du mich verarschen?“. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich erneut zu entschuldigen und die Bahn zu wechseln. Neue Bahn die „Fast Lane“. Nur Personen mit Stiernacken und breiten Schwimmerschultern und ich. Jedoch weiß ich nun, warum mittlerweile die Schwimmanzüge im Leistungssport verboten wurden. Ein ‚Neo‘ gibt dir so viel Auftrieb, dass du die perfekte Wasserlage hast. Es war das erste Mal, dass mir eine Schwimmeinheit Spaß gemacht hat. Nach einer Stunde beendete ich das Training mit einem breiten Grinsen im Gesicht und freute mich nun auf den Wettkampf.
Erkner, 07.09.2019:
Meine Eltern und ich machten sich bei kalten, nassen, ungemütlichen Temperaturen auf den Weg nach Erkner. Das Rennrad ist verladen und die Sporttasche gepackt. Ich fühle eine gewisse Anspannung, einen Reiz den ich bisher nur aus meiner Leistungssportzeit vom Fußball kenne – immer dann, wenn wichtige Spiele anstanden. Erster gegen Zweiter, Halbfinale vom Pokal oder Spiele mit der Berlin-Auswahl, wo vielleicht auch der „Natio-Trainer“ auf der Tribüne saß. Mit „Coach“ Ole war ich am gestrigen Tag schon in Erkner – zur Streckenüberprüfung. Des Weiteren wurden „Checkpoints“ für den Fanklub und zum Coachen vereinbart. In Erkner angekommen, heißt es: Rennrad ausladen, anmelden, Wechselzone betreten und sich auf den Wettkampf vorbereiten. Warm up – kurzes Anschwitzen und dann geht es rein in den Triathlonanzug. Kurzer Blick gen Himmel: es klart auf. Der Stadionsprecher spricht von zu erwartender Sonne und bis zu 22 Grad. Sollte es doch noch ein schöner Tag werden? Es stellt sich die nächste Frage – ich Hauttyp minus 100 – sollte ich mich vielleicht mit Sonnencreme einschmieren… Ach egal, es wird schon gehen. Neo anziehen, Badekappe und Schwimmbrille in die Hand und los geht es zum Start. Ich sehe meine Eltern und meinen Cousin, die mich zu Dritt an diesem Tag unterstützen werden. Wir klatschen uns ab. Alle drücken die Daumen und wünschen mir viel Erfolg. Über die sechs Wochen Vorbereitungszeit stellte ich mir natürlich mehrfach die Ziel-Frage für meinen ersten Triathlon über die olympische Distanz. Das Ziel war eigentlich recht schnell gefunden: einfach nur Finishen, wenn es dann noch unter drei Stunden klappt, umso besser. Und vielleicht am Ende doch noch die Zeit von Philipp angreifen…
Der Coach kannte die vorgenommenen Zeiten (45 min. Schwimmen // 1:15 h Rad // unter 60 min. Laufen). Auf Grundlage dieser Zeiten waren die Checkpoints festgelegt.
Kurzes Runterzählen von 10…1 – der Startschuss fällt. Alle Teilnehmer stürzen sich ins Wasser. Ich bin mittendrin. Kurzes Laufen, dann Sprung ins Wasser, eintauchen und Mist! Da war er schon, der erste Fehler: Ich komme nicht mehr hoch. Irgendein anderer Starter „liegt“ quasi auf mir und drückt mich nach unten. Kurze Panik kommt auf und ich schlucke eine Menge Wasser. Ich komme zurück an die Luft und huste, huste, huste. Muss mich erstmal orientieren und fange an, zu schwimmen. Der nächste Schreck lässt nicht lange auf sich warten – ein anderer Starter tritt mir mit seinen Kraulbeinen ins Gesicht. Ich sage Euch, das tut mit einer Schwimmbrille auf der Nase extrem weh. So langsam werde ich aggressiv. Toller Start, so habe ich mir das irgendwie nicht vorgestellt. Nach gefühlten 300 Metern zieht sich das Feld auseinander und das Schwimmen wird etwas entspannter. Ich komme langsam in meinen Rhythmus und bin nun wohl im Wettkampf angekommen. Nach 750 Metern geht der Blick auf die Uhr. Donnerwetter, denke ich, 14:26 min. – es läuft doch ganz gut! Eine Runde noch und ich bin deutlich unter meiner Zeit. Ich fühle mich wohl im Wasser und genieße es sogar, zu schwimmen. Der Gedanke, dass meine „Hass-Disziplin“ erstaunlich gut läuft, motiviert mich. Ich werfe den „Motor“ noch einmal an, orientiere mich und sehe die letzte Boje bereits in einer Entfernung von ca. 200 Metern vor mir. Diese lasse ich links liegen und steuere auf den Strand zu. Noch zwei Armzüge und ich spüre Sand unter meinen Füßen. Ich renne der jubelnden Menge mit einem Lachen entgegen. Die Freude, das erste „Drittel“ geschafft zu haben und das in einer Zeit von unter 28 Minuten, ist groß. Kurzes Läufchen in die Wechselzone – raus aus dem Neo und rein in die vorbereiteten Radschuhe (mit Vaseline einreiben, dann gibt es keine Blasen – Danke Pawel, für den Tipp). Helm auf und schließen, abbeißen von der bereitgelegten Banane und Rad aus der Halterung, los geht’s. Ich schwinge mich auf das Rad und trete ordentlich los. Nach zwei Kilometern erreiche ich den ersten Checkpoint. Kurzes Schmunzeln; der Fanclub ist noch nicht da. Der Fußweg vom Start zum Checkpoint war anscheinend zu lang – vor allem, wenn man deutlich unter den avisierten 45 min. aus dem Wasser kommt…
Die Radstrecke liegt mir. Es gibt keine nennenswerten Vorkommnisse. Über die gesamte Distanz von 40 km finde ich einen guten Tritt und halte einen Schnitt von mehr als 33 km/h. Bei Kilometer 38 treffe ich bei Checkpoint 2 ein. Spürbare Erleichterung beim Fanklub – der Sohnemann und Cousin ist nicht untergegangen. „Mathematiker“ Lucas beginnt sofort mit dem Hochrechnen der Zeiten. Nach 40 km, in einer Zeit von 1:08 h, stelle ich mein Rad in der Wechselzone ab. Ich bin zufrieden, ohne Sturz und Panne über die Strecke gekommen zu sein. Nun schlüpfe ich in die Laufschuhe und mache mich auf die letzten 10 km am heutigen Tage. Nach zwei Kilometern erreiche ich erneut den Checkpoint. Der Coach ruft mir zu, dass ich gut im Rennen liege und die Marke von unter drei Stunden locker schaffen werde. Den gleichen Gedanken hatte ich auf den letzten Rad-Kilometern ebenfalls. Auch ich fange allmählich an, die zu erwartende Gesamtzeit abzuschätzen. Irgendwie stelle ich mich dabei etwas zu blöd an. Was ich aber gerade noch schaffe, ist festzustellen, dass ich die Zeit von Philipp auch packen könnte. Bei Kilometer 4,5 lerne ich nette Menschen aus Erkner kennen, die uns Sportler mit ihrem Gartenschlauch „abkühlen“. Wie geil ist das denn!? Ich bedanke mich im Vorbeilaufen und lege gleich noch einmal einen Zahn zu. Kurz danach gibt es einen Verpflegungsstand. Schnelle Erfrischung mit Cola und Wasser, dazu eine halbe Banane. Nun gut, die Cola klebt heute noch in meinem Triathlonanzug. Fazit: Verpflegen während eines Wettkampfes, vor allem während Fahrradfahren und Laufen sollte man vorher auch trainieren!
Mit Blick auf die Uhr wird nun immer deutlicher, dass ich die Zeit von Philipp knacken werde. Ich weiß, dass er mich dafür hasst und das mein Kumpel Nils noch heute mit den Augen rollt: „Paule, du bist so ein richtig, ekliger Wettkampftyp!“ Jungs, ich habe Euch trotzdem lieb und freue mich jetzt schon auf unser gemeinsames „Team Bergziege“-Trainingslager auf Lanzarote. Ich steuere auf Kilometer 8 zu und treffe ein letztes Mal auf den Fanclub. Ich rufe meinem Cousin die Frage zu, ob ich die Zeit von 2:30 h unterbieten kann. Er erwidert: „2:35 h hast du sicher, wenn du den Turbo noch einmal zündest, knackst du eventuell auch die 2:30 h!“ Ich klatsche kurz mit ihm ab und setze zum Schlussspurt an. Mein Ziel, ein vor mir befindlicher Läufer, der mich erst vor kurzer Zeit überholt hat. Von hinten brüllt der Coach: „Beiß‘ dich in seine Waden!“. Vaddern, motivieren kannst du 🙂 Gesagt getan, ich „sauge“ mich an den deutlich älteren Läufer heran und bleibe erst in seinem Windschatten. Nach kurzer Erholungsphase überhole ich ihn. Autsch, das war der zweite Fehler an diesem Wettkampftag. Merken: niemals übertreiben! Schlagartig realisiere ich, dass meine Oberschenkelmuskel zumachen. Der gerade überholte Läufer joggt wieder an mir vorbei und brüllt mich an, dass ich an ihm dran bleiben soll. Ich verdrehe etwas die Augen und denke, „och nö, nicht schon wieder so eine ‚besiege deinen Schweinehund-Scheiße‘.“ Aber gut, wer mich kennt, der weiß, dass es mir schwer fällt, klein beizugeben. Außerdem musste ich an das neue Sportmotto in schwierigen Situation von meinem Kumpel Nils denken: Erwecke die Bergziege in Dir (die komplette Anekdote folgt in einem weiteren Beitrag)! Ich schaue nochmals auf die Uhr und sehe, dass wir beide gegen die Zeit kämpfen und immer noch 1,5 km vor uns haben. Mein „Laufpartner“ dreht sich mehrfach um und motiviert mich durch Anschreien. (Bin ich eigentlich immer auf Arbeit? 🙂 )
Der letzte Kilometer und ein weiterer Verpflegungsstand. Red Bull – wirklich? Nicht euer Ernst, denke ich und nehme dankend eine Dose. Das Trinken bleibt beim Versuch. Egal, die halbe Dose über den Kopf und weiter geht’s. Hoffentlich verleiht Red Bull mir jetzt wirklich noch einmal Flügel. Mein Laufpartner wird plötzlich deutlich langsamer. Ich bin auf seiner Höhe und er hechelt leise: „Diggah, ich kann nicht mehr! Bring‘ es für uns zusammen zu Ende!“ Ich denke, Alter, will der mich jetzt verarschen und blicke wieder auf die Uhr – es ist noch Zeit. Dann brülle ich ihn nun an: „Das ist nicht Dein Ernst. Wir haben nur noch 500 Meter und können die 2:30 h knacken, bleib an mir dran! Beiß‘ dich in meinen Waden fest, über die Ziellinie gehen wir gemeinsam!“ Nun war ich wieder in meinem Element: Menschen anschreien, motivieren, das kann ich. – Jedenfalls wurde mir das des Öfteren zugetragen. Meine Schmerzen in den Oberschenkeln sind schlagartig weg. Ich treibe meinen Laufpartner und mich in Richtung Ziel. Was die jubelnden Leute wohl an der Strecke von mir gedacht haben müssen? Wir biegen gemeinsam ins Stadion ein und haben noch eine viertel Stadionrunde vor uns. Wir beißen uns durch. Angefeuert vom Stadionsprecher greift mein Partner meine Hand und wir laufen gemeinsam über die Ziellinie. Anschließend liegen wir uns in den Armen und beglückwünschen uns gegenseitig. Was für ein Finish, was für ein Tag, was für ein Wettkampf…
Aber auch meine Oberschenkel melden sich „zurück“. Nachdem wir uns ein alkoholfreies Bier gegriffen haben, schnacken wir zusammen. Unsere Endzeit 2:30:01 Stunden. Er fragt mich, der wie vielte Triathlon das für mich war. Ich gestehe ihm, dass es meiner erster war. Harald (ich habe ihn gefragt 🙂 ) kann das nicht glauben und klopft mir anerkennend auf die Schulter. Er berichtet, dass es für ihn nur Training war und er nächstes Wochenende eine Mitteldistanz (1,9 km Schwimmen // 90 km Rad // Halbmarathon) absolvieren will. Ich gucke auf meine Oberschenkel und denke nur: krasser, cooler Typ und das mit 53. Respekt!!! Ich wünsche ihm viel Erfolg und begebe mich zur Massage. Die tut unheimlich gut. So langsam realisiere ich den Wettkampf und bin glücklich, dass ich Ende Juli meinem Kumpel Philipp die Daumen an der Strecke gedrückt habe. Danke Philipp – für das neuartige Erlebnis und mittlerweile neue Hobby. Ein weiterer Gedanke macht sich breit: Danke Pawel, dass wir uns vor (!!!) zwei Wochen für eine Mitteldistanz im Jahr 2020 angemeldet haben. Ob ich das nach dieser Qual und Erfahrung auch noch gemacht hätte? Aua – mir tut alles weh… Den restlichen Sonntag bin ich einfach nur glücklich, zufrieden und k.o.
Lieben Dank an alle, die mir an diesem Tag die Daumen gedrückt und mich unterstützt haben.
PS.: Wie zu erwarten, gab es für meinen Hauttyp den Sonnenbrand gratis. 🙂
Paule, Du bist großartig! Wenn ich es irgendwann an die Strecke schaffen kann, dann wirst Du mich auf jeden Fall unter den Anfeuerern hören!
LikeGefällt 1 Person
Dann lass uns doch zum Ironman 2021 in HH verabreden…die Reise wird hoffentlich noch ein Stück weitergehen…
LikeLike
Stärke Sache, guter Text. Komme gerne wieder zum anfeuern!
LikeGefällt 1 Person
Freut mich zu hören. In der Ferienwohnung im Juni ist bestimmt auch noch ein Bettchen für dich frei 🙂
LikeGefällt 1 Person